KRIEG.
Die Arbeit an der Ausstellung
KRIEG. wurde Anfang des Jahres 1993 begonnen. Die Entscheidung,
eine Veranstaltung mit und um Fotografie in bezug zur nur wenige
Stunden von Graz entfernt stattfindenden Katastrophe im ehemaligen
Jugoslawien zu setzen, hat sich mit zwingender Selbstverständlichkeit
ergeben: Der Realität und der Kunst gegenüber. Nicht
im Inneren der fotografisch/künstlerischen Praxis, im selbstreflexiven
Sinn, in der Untersuchung methodischer und formaler Entscheidungen
oder als Standortbestimmung heutigen Fotoschaffens sollte dieses
Projekt beginnen, sondern das Medium sollte vor diesem Hintergrund
historischer Wirklichkeit stehen. Eine Herausforderung für
eine Kunst, die sich mit dem Realen einläßt? Ein Versuch
jedenfalls, der auch das Scheitern als mögliche Antwort einschließt.
Wie kann innerhalb des fotografischen Diskurses auf die Situation
KRIEG. reagiert werden, wie kann diese vielschichtige Formation
"sichtbar" gemacht, bezeichnet, in eine künstlerische
Produktion gewendet werden?
KRIEG. als Thema zu wählen heißt, jede mögliche
Äußerung (heute) vor den Hintergrund des Zustandes
Krieg zu stellen. Fragen nach einer Form des Ausdrucks, nach Möglichkeiten
der Beschreibung und des Umganges mit diesem Zustand werden entscheidend,
wenn wir dem Kommentar und der Illustration von Gegebenheiten,
d. h. den der Fotografie vorrangig zugesprochenen Eigenschaften
nicht mehr glauben können, wenn der Wirklichkeitsbegriff,
von dem wir ausgehen, ein vermittelter (geworden) ist, wenn somit
erst der Angriff auf den Körper eine Wirklichkeit
einzuführen scheint, die als real erfahren werden
könnte. Mittels einer solchen Erfahrung ließe sich
die von der Alltagsgewalt bewirkte Immunität überwinden.
Mit einem Thema wie KRIEG. (das in der Fotografiegeschichte einen
weiteren Hintergrund bildet - Fotografie als strategisches wie
als propagandistisches Mittel) glauben wir, daß dieses Ausstellungsprojekt
doppelt wirksam sein sollte: Ein Ereignis fokussierend, werden
hier die allgemeinen Bedingungen einer Kunst, die sich mit dem
Realen einläßt, angesprochen. Auf die Fotografie, jenes
grundsätzlich abbildhafte Medium, bezogen bedeuten diese
Umstände eine besondere Herausforderung - in einer zeitgemäßen
fotografischen Sprache das Sichtbare und Denkbare des Realen und
seiner begreifbaren Fragmente zu formulieren.
Wie das Leben erst vom Tod her erzählbar wird, ist auch der
Blick auf historische Ereignisse retrospektiv. Wir haben keine
andere Wahl als unsere Perspektive als "außenstehende
Betrachter" zu formulieren - die Auswahl der Künstler
und Autoren, die aus einem unterschiedlichen politischen Umfeld
und mit subjektiven Haltungen an diesem Projekt mitarbeiten, zeigt
dies. Die Textbeiträge spielen dabei eine ebenso wichtige
Rolle wie die künstlerischen Arbeiten: Den Blick von innen
verdanken wir drei Textautoren aus dem ehemaligen Jugoslawien.
Im ersten Band des Kataloges werden thematisch relevante Arbeiten
der Teilnehmer veröffentlicht, er soll zu den für die
Ausstellung KRIEG. entstandenen Projekten hinführen. Der
zweite Band dokumentiert die Ausstellung selbst ausführlich.
Wir danken den Künstlerinnen und Künstlern, den Autorinnen
und Autoren, sowie den öffentlichen Institutionen für
ihre Bereitschaft, sich mit uns auf dieses Thema und dieses Vorhaben
einzulassen.
Werner Fenz, Christine Frisinghelli
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