Mit der Sammlung des aus Graz gebürtigen Arztes Dr.
Rudolf Polheim erhält die Neue Galerie zweiundvierzig Werke der "Schule von
Barbizon" als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt. Die Sammlung enthält
Gemälde und Grafiken so bedeutender Künstler wie Camille Corot, Gustave
Courbet, Charles-Francois Daubigny, Narcisse Diaz, Charles Jacque,
Jean-Francois Millet, Theodore Rousseau, Constant Troyon und Felix Ziem.
Um 1830 wagten diese Künstler einen revolutionären Schritt. Sie beschlossen,
ihre Landschaftsbilder entgegen der akademischen Tradition nicht mehr im
Atelier, sondern in unmittelbarer Auseinandersetzung mit der Natur, direkt vor
Ort zu malen. Die idealen Bedingungen dafür fanden sie unweit von Paris im Wald
von Fontainebleau und dem Dorf Barbizon.
In der Arbeit unter freiem Himmel formten diese Künstler in der realistischen
Wiedergabe schlichter Naturausschnitte und einem speziellen Sensorium für
Licht- und Stimmungswerte einen neuen Typus der Landschaftsmalerei, das
"paysage intime". Die Werke der "Schule von Barbizon" etablierten die
Freilicht- respektive Pleinairmalerei und waren richtungsweisend für die
Entwicklung des Realismus in der Kunst des 19. Jahrhunderts. Ihre
Arbeitsweise in der freien Natur war von wesentlicher Bedeutung für die nachfolgende
Generation der Impressionisten.
Die Wirkung, die von Barbizon ausging, hat über die Grenzen Frankreichs hinaus
ihren Niederschlag in allen größeren europäischen Zentren der
Landschaftsmalerei gefunden. Um die Jahrhundertmitte gelangten die Einflüsse
des Pleinair auch nach Österreich und bildeten einen vorerst kaum beachteten
Gegenpol zum konservativen Klima der akademischen Tradition. Das Werk August
von Pettenkofens markierte diesbezüglich einen Anfang und öffnete den Weg für
eine neue Generation von Landschaftsmalern, die Künstler des österreichischen
Stimmungsrealismus.
Durch die "Schule von Barbizon" fühlten sich Emil Jakob Schindler, Eugen
Jettel, Rudolf Ribarz, Robert Russ und Tina Blau in ihrer Hinwendung zur
Freilichtmalerei bestätigt, für Theodor von Hörmann war es die einzig
akzeptable Form einer künstlerischen Auseinandersetzung mit der Natur.
Auch wenn die Werke der Österreicher in den Reihen der (akademischen) Kollegen
und Kritiker vorerst auf harte Ablehnung stießen, erfreuten sie sich beim Publikum
zunehmender Beliebtheit.
Auf den Errungenschaften der "Schule von Barbizon" aufbauend, wurde der
Stimmungsrealismus über mehrere Generationen selbst vorbildhaft für die
Landschaftsmalerei in Österreich.
In Wien und Niederösterreich war es der Schindler-Kreis mit Carl Moll, Olga
Wisinger-Florian und Marie Egner, sowie Hugo Darnaut, die das Erbe des
Stimmungsrealismus bis ins 20. Jahrhundert weiterführten und eine Reihe von
jüngeren Künstlern prägten. Ganz in dieser Tradition stehen beispielsweise die
malerischen Wachaulandschaften von Max Suppantschitsch und Eduard Zetsche.
Und auch in der "Provinz" setzten sich allmählich reformerische Ideen durch.
Relativ spät, erst um die Jahrhundertwende, öffnete sich die Steiermark den
realistischen Tendenzen, dann allerdings mit solcher Vehemenz, daß diese die
bestimmenden Kräfte über Jahrzehnte hin wurden. Zu den herausragenden
Künstlern, die das bis dahin so unbewegliche und konservative Klima aufgelockert haben, zählten Alfred Zoff und
Constantin Damianos. Ihre protoimpressionistische Naturauffassung hat gerade in
der Steiermark eine starke und langanhaltende Nachfolge erfahren, wie in den
Werken von Marie Baselli, Rudolf Zelenka und Ferdinand Pamberger.
Von der Entwicklung eines homogenen Stils kann jedoch in der österreichischen
Landschaftsmalerei des Realismus nicht die Rede sein. Verbindend war vielmehr
das kollektive Bemühen, die antiquierte Auffassung akademischer Traditionen mit
Hilfe des Pleinair zu überwinden, um zu einer "wahrhaftigen", der Wirklichkeit
verpflichteten Naturschilderung zu gelangen. Und obwohl sich bei vielen
österreichischen Künstlern im Lauf der Zeit bereits formale Annäherungen an den
Impressionismus erkennen lassen, blieben sie der mittlerweile bewährten Sphäre
des Realismus verhaftet und verweigerten sich den zeitgenössischen
internationalen Strömungen.
So waren ein Jahrhundert nach den bahnbrechenden Entwicklungen im Wald von
Fontainebleau die Ideen von Barbizon in der Schilderung der österreichischen
Landschaft noch immer gegenwärtig.
Diese Ausstellung zeigt ergänzend zu den Werken der Maler von Barbizon eine
breitgefächerte Auswahl von ca. 200 österreichischen Landschaftsbildern aus
der Sammlung der Neuen Galerie, darunter Schindler, Jettel, Hörmann, Egner,
Zoff und Damianos, und bietet die Möglichkeit, die Wirkung des französischen
Pleinairismus auf das heimische Kunstgeschehen im 19. und beginnenden
20. Jahrhundert anhand konkreter Beispiele nachzuvollziehen.
Ein umfangreicher Katalog begleitet die Ausstellung.
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